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WARUM DEUTSCHE BIERE MEIST GLEICH SCHMECKEN

Posted by: phil | 31. Juli 2013 | No Comment |

Warsteiner, Hasseröder, Radeberger, Becks, Krombacher und Co. – verschiedene Marken, verschiedene Hersteller, verschiedene Geschmäcker. So mag man meinen. In Wahrheit unterscheiden sich zahlreiche bekannte Biermarken im Geschmack so stark voneinander wie Edeka-Erdbeermarmelade von Netto-Erdbeermarmelade – nämlich gar nicht. Der Grund dafür ist, dass sie oft aus der gleichen Produktionshalle kommen.

Aber warum ähneln sich viele Biere im Geschmack? Um das herauszufinden, wurde in der Dokumentation „Hopfen und Malz verloren“ ein Blindtest durchgeführt. Es wurden Probanden fünf verschiedene Biersorten vorgesetzt mit der Bitte, nach dem Biergenuss die Biere zu den jeweiligen Marken zuzuordnen. Mit dem Ergebnis, dass kaum einer den Geschmack zur richtigen Marke zuordnen konnte! Die Leute hatten Probleme, da alle Testbiere irgendwie gleich schmeckten.
Im Labortest gab es die Bestätigung. Der Gehalt der Stammwürze (Malz) bewegte sich im Bereich 11,3% bis 11,6%, also nahezu identisch. Bei den Bittereinheiten (Hopfen) ein ähnliches Bild: die Spanne reichte von 26 bis 32. Geschmacklich also nicht gerade merklich different. Zum Vergleich: das weltbeste Bier in der Königs-Kategorie „German Style Pilsener“ (!!!) kommt aus Chico (Kalifornien, USA) von der Sierra Nevada Brewery und weist nicht nur Spitzenwerte von 12,2% für Stammwürze sowie 42 Bittereinheiten auf, sondern gewinnt zudem das Lob von Biersommelieres. Denn die Geschmacksrechnung ist simpel: mehr Hopfen bedeutet mehr Geschmack und Aroma.

Dem Biergeschmack auf der Spur.
Foto: www.foto-fine-art.de / pixelio.de

Nun, warum unterscheiden sich die Rezepturen deutscher Biere nicht mehr stark voneinander? Die Antwort ist ziemlich einfach: weil sie dem Kapitalismus zum Opfer fallen. Zum Einen haben mittlerweile zahlreiche deutsche Ur-Brauereien dicht gemacht, zum Anderen trinken die Deutschen immer weniger Bier. Der Pro-Kopf-Verbrauch von Bier in Deutschland ist von 142 Liter pro Kopf im Jahr aus dem Jahre 1989 bis auf heutige 107 Liter im Jahr gesunken. Es wird also immer schwerer in Deutschland, mit Bier Geld zu verdienen. Ergo müssen die großen Konzerne ihre Gewinne maximieren.
Hinzu kommt, dass die Deutschen sehr preissensibel sind. Konzerne kaufen Brauereien auf und reduzieren die Inhaltsstoffe derer Biermarken um Produktionskosten zu senken. Als Ergebnis können sie höhere Gewinnspannen bzw. geringere Preise am Markt realisieren – und das wünscht der typische Geiz-ist-Geil-Konsument.
Aber die Menge der Inhaltsstoffe ist nicht die einzige Stellschraube, an welcher die Konzerne drehen können. Heutzutage wird das Bier auch stärker gefiltert um es haltbarer zu machen – also noch weniger Inhaltsstoffe. Hinzu kommt eine verkürzte Lagerzeit. Liegt die Lagerzeit für ein gutes Pils bei ca. sechs Wochen, reift ein Industriepils in gerade einmal 2-3 Wochen. Warum? Auch dies ist aus betriebswirtschaftlicher Sicht nachvollziehbar. Denn wer Lagerkosten spart, kann die Produktion besser ausschöpfen.
Als wäre das noch nicht genug, wird bei der Zutatenliste ebenso getrickst. Lebensmittelchemiker offenbaren: Hopfenextrakte und Chemikalien sind heutzutage im Bier eher häufig als selten anzutreffen. Sie reduzieren die Produktionskosten weiter und machen das Bier klarer sowie haltbarer – deren Einsatz macht die Biere jedoch nicht besser…

Ich finde es schade, dass die Konzerne die Preisspirale selber aufgestellt und sich darin nun ein bisschen selbst gefangen haben. Der Präsident der freien Brauer bringt es auf den Punkt: die Brauer haben es verpasst, spannende und interessante Biere herzustellen. Vielen deutschen Bieren fehle es schlichtweg an Charakter. Zu stark ähneln sich die Geschmäcker der Biere – und münden folglich in Geschmackslangeweile.
Wie es besser geht, zeigt die USA, welche sich über eine Explosion des Bierinteresses freut. Grund für den dort florierenden Biermarkt sind die vielfältigen Sorten. Kaffeebier, Spezialfruchtbier, Doppelbock sowie Schokoladenbier – das nenne ich mal kreativ.
In Deutschland bleibt uns die Unterscheidung der Biere über ihre Markenwelt. Na immerhin etwas. Wir dürfen gespannt sein, ob der deutsche Biermarkt seine kreative Exzellenz wieder entdeckt. Bis dahin, Prost.

under: Ernährung
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